“The Price of Gold

 

“You give your life in exchange for what you hope to achieve”

– Susanna Kallur

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Für die letzte Ausgabe des ÖLV Newsletter diesen Jahres gehen wir unserer sonst von Wortwitz, Übertreibungen und komischen Darstellung des Sports fremd und haben uns einem etwas nachdenklicherem Thema zugewendet. Anlass dafür war eine schwedische Dokumentation aus dem Jahre 2012, welche vor den olympischen Spielen in London entstand und einigen schwedischen Topathleten bei ihrer Vorbereitung über die Schulter schaute. Hat man sonst sehr oft das Gefühl, Filme und Dokumentationen zeigen üblicherweise AthletInnen von ihrer heroischen Seite, sozusagen als moderne Gladiatoren oder “unsere” Superhelden”, so steht diese Produktion vor dem Hintergrund einiger weniger angenehmen Fragen. Fragen, welche dem Zuseher aus den alltäglichen “Siegesmeldungen” der Sportwelt vielleicht weniger bekannt sind. Nämlich was muss ein SpitzensportlerIn auf sich nehmen um den Traum von einer olympischen oder internationalen Medaille zu realisieren? Was opfert ein/e AthletIn auf seinem oder ihrem Weg dorthin vielleicht auf? Und was passiert aus jenen, deren Traum von einer Medaille nicht in Erfüllung gegangen ist? Für uns jedoch die interessanteste Frage, weil diese unserer Meinung nach am allerwenigsten gestellt wird, ist die Frage der Wertigkeit des Sports ganz allgemein. Die AthletInnen in dieser Dokumentation,  egal ob international erfolgreich oder nicht,  wurden damit  konfrontiert, den von ihnen gewählten Weg zu reflektieren. Diesmal jedoch nicht mit den üblichen Begriffen wie Glück, Erfolg, Ruhm, vielleicht sogar Geld. Nein. Sie wurden gebeten ihren Taten einen Wert zuzuschreiben, nämlich war die Medaille alle Anstrengungen wert? War der Erfolg oder auch der Nicht-Erfolg die Bemühungen im Training wert?  Und, würdet ihr diesen Weg genauso noch einmal gehen?

Hier eine Zusammenfassung einiger der für uns interessantesten Zitate und Schicksale von insgesamt 209 befragten Athleten.

Oberschenkelmuskelriss, Knochenfrakturen, bis hin zu zentimeterlangen in den Körper operierten Schrauben – das sind nur einige Nebeneffekte, die die interviewten Sportler auflisten und ertragen müssen auf ihrem Weg zu Gold. Ist der Leistungssport überhaupt noch gesund für den Körper des Sportlers? Laut Susanna Kallur hat dieser Elitesport nichts mehr mit dem bekannten Gesundheitssport zu tun und fordert für dessen Erbringung auch gewisse Opfer.

“My knee is pretty messed up. It will only get worse.

But I chose this. It’s totally worth it. Even if it ends up with me becoming an invalid.”

Niklas Wiberg (20’44’’-21’03’’).

Diese Aussage eines schwedischen Zehnkämpfers spricht wohl für sich. Unweigerlich stellt sich die Frage nach dem Warum. Warum sind Athleten bereit einen Preis zu zahlen, der ihre langfristige Gesundheit aufs Spiel setzt und sie durch Höllenqualen gehen lässt. Sind das Gold und der erwartete Erfolg hier wirklich die ausschlaggebenden Kriterien? Alle interviewten Athleten sind sich einig, dass es nicht so ist. Der Spitzensport wird wie zu einer Sucht. “Andere würden dich als besessen bezeichnen.”, meint Susanna Kallur “Und sie haben recht.” fügt sie hinzu. (18’33’’-39’’)

“The best athletes shared a drive that went beyond medals and glory:

For a brief moment to be invincible.” (43’21-35’’)

Es geht also um mehr: das Gefühl unbesiegbar zu sein. Für einen Moment. Wie Susanna Kallur es beschreibt, dieses Gefühl am Start zu stehen und zu wissen “Mädels, heute könnt ihr mich nicht schlagen.”. Siege und Weltrekord gaben ihr recht, doch der Preis, den sie für all das zahlen musste war hoch. Eine Stressfraktur im Schienbein führte dazu, dass ihr eine Metallplatte und mehrere Schrauben eingesetzt wurden. Zwar konnte sie 2008 in Peking an Olympia teilnehmen, stürzte jedoch im Semifinale. Seither kann Kallur, nach weiteren Verletzungen, nicht mehr an ihre Leistungen anschließen. War es der Erfolg wert? Ein klares JA von ihr. Doch würde sie den Weg nochmal auf diese Weise gehen? Hier ist Kallur eine der wenigen, die daran zweifelt, stets die richtigen Trainingsmethoden gewählt zu haben. Zwar wäre der kurzfristige Erfolg mit anderen Methoden vielleicht kleiner gewesen, doch hätte sie die durch Verletzungen verlorenen Jahre zum Aufbau einer soliden Karriere nutzen können. Ganz im Gegensatz dazu ihr ehemaliger Trainer, Agne Bergvall. Er ist überzeugt davon, dass es keine Möglichkeit gibt richtig gut zu werden ohne verletzt zu sein und würde an seinen Trainingsmethoden nichts ändern. Junge Athleten sollten sich im Klaren darüber sein, dass sie Verletzungen früher oder später einholen werden, wenn sie Spitzenathleten werden wollen, meint er (53’10” – 33”). Ob diese Einstellung nachhaltigen Erfolg bringt, sei dahingestellt. Nach der Verletzungskaskade 2008 im Nationalteam, startete der Schwedische LA-Verband eine Studie um die Ursachen für die steigenden Verletzungszahlen herauszufinden. Wer hätte es gedacht, Hauptursachen sind demnach die erhöhte Belastung, wachsender Druck und Erwartungen während gleichzeitig an Regenerationsphasen gespart wird. Spitzenathleten seien also im ständigen Übertraining (48’30” – 56’00’’). Peter Hassmen, Professor der Sportpsychologie, meinte dazu nur, wir müssen uns im Klaren sein ob wir bereit wären diesen hohen Preis für Erfolg zu zahlen.  Oder ob wir es verantworten können unsere SpitzenathletInnen diesen hohen Preis zahlen zu lassen.

Was am Ende der Dokumentation jedoch klar herauskommt, ist, dass sich so gut wie alle befragten Athleten einig sind: egal wie sehr sie gelitten haben, was sie aufgeben und opfern und egal welche Hindernisse sie überwinden mussten, das war es wert. Dies unterstreicht auch das Ergebnis der schwedischen Studie, welches zeigt, dass 9 von 10 SportlerInnen den gleichen Weg noch einmal gehen würden, wären sie jetzt am Anfang ihrer Karriere.

“If I woke up tomorrow and was 20 again. Would I do it all over again?

The answer is Yes.”  – Christian Olsson, (58’44 – 50)

Der Reiz des Leistungssports lässt Sportler also oft über ihre Grenzen hinausgehen und manchmal werden diese Bemühungen auch mit Erfolg gekrönt. Und doch sind es am Ende einer sportlichen Karriere nicht nur die Medaillen und der Erfolg die zählen. Sondern Erfahrungen die man machen durfte, Spaß an der körperlichen Bewegung und Freundschaften die man geschlossen hat, welche es wert machen diesen Weg zu gehen.

 

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