“Ripped” – Körperkult in der Leichtathletik?

 

Tatort: Athen – Olympische Spiele 2004

Verdächtiger: Robert Harting

Tatbestand: Mit einem Freudenschrei reißt sich Robert Harting das deutsche Trikot vom Leib, entblößt seinen bärenstarken Oberkörper und setzt somit den Startschuss für sein Markenzeichen.

Seither ist der Deutsche Diskuswerfer als “Hulk” nicht nur in der deutschen Leichtathletikszene bekannt. Ob Harting nach seiner Verletzung auch im August in Peking wieder Grund zu solcher Freude hat, wird sich nach zeigen. Was jedoch fix ist: stählerne Muskeln und sehnige Körper wird man auch bei der Weltmeisterschaft, vom 22. bis 30. August, wieder zur Genüge präsentiert bekommen. Doch kann man den Fokus der Leichtathletik auf schöne Körper als “Körperkult” bezeichnen oder steckt da mehr dahinter? Körperkult wird allgemein als der “Ausdruck der Unterwerfung unter ein scheinbar allgemeingültiges Schönheitsideal bezeichnet. Der Körper wird zu einem Abbild der Selbstwahrnehmung. Durch den Körperkult soll ein Gewinn an Selbstwertgefühl erreicht werden, das durch Selbstbewunderung und die Anerkennung der Umwelt verstärkt wird.”

Dem Körper eines Athleten oder einer Athletin tut man bei weitem jedoch nicht Genüge, wenn man ihn mit den Worten “Unterwerfung unter ein Schönheitsideal” und “Selbstbewunderung” abspeist. Körper im Leistungssport dienen primär der Leistung, in weiterer Folge erst der Ästhetik und dem Erfolg, nie aber der Unterwerfung.
Speziell in der Leichtathletik sind Spitzenleistungen ohne einen 100% fitten Körper nicht möglich. Wahrscheinlich ist sie die Sportart, die Körperkult schon immer am meisten gefördert und gefordert hat. Wenn man an Körperkult und schöne, ästhetische Körper denkt, so assoziiert man auch sofort die griechische Antike damit. Ausnahmsweise wird hier im Zusammenhang mit Griechenland nicht sofort von “Grexit” geredet, sondern von den schönen und jungen Körpern der griechischen Kunst. In dieser wurden selten bis nie grässliche, alte oder auch realistische Körper abgebildet. In Form von Skulpturen, sowie auf Gemälden und Wandmalereien sind vielmehr “perfekte” Körper zu sehen. Warum sieht man jedoch in einer Zeit, welche geprägt wird von den Schulen der Stoa und des Epikurismus bis hin zu Platons Ideenlehre, derart viele Körper? Die antike griechische Gesellschaft kann allgemein als Gesellschaft des unmittelbaren Handelns und Miteinander beschrieben werden. Die Rituale, die sportlichen Aktivitäten, die Art des Krieges und ebenso die Idee hinter der griechischen polis basierten alle auf einem direktem Handeln mit dem Gegenüber. Heute würde man es als “face to face” bezeichnen. Der Körper galt als Medium oder als Sinnfigur für diese gesellschaftlichen Handlungen und Rituale. Diese Philosophie des Körpers floss ebenso in den Sport ein, waren doch die Griechen die Gründer der Olympischen Spiele! Das athletische Training und der Wettkampf galten auch als metaphorische Hinüberführung des Körpers in eine höhere Ebene der Zivilisation. Die Olympischen Spiele setzten sich somiz schnell als eine neue gesellschaftliche Institution durch. Anfangs galt der Zweck des athletische Trainings rein der Vorbereitung für den Krieg, es entwickelte jedoch schnell einen gewissen Selbstzweck und diente in weiterer Folge dem Prestige.

 

Die Wurzeln des Körperkults aus der griechischen Antike sind noch heute deutlich zu erkennen. Heute ist der Sport eine beinahe perfektionierte, gesellschaftliche Institution und das Training als Profession dient rein dem Gedanken der Leistung und des Erfolges. Auch heute sind Körper im Sport ein Medium des “unmittelbaren Handelns”. Wir würden sogar weitergehen und meinen, der Körper als Objekt und Kapital wurde vom modernen Sport an die Spitze getrieben. Der Sportler/Die Sportlerin erhofft sich durch Training und einen leistungsfähigen Körper nicht nur Erfolg, sondern baut sich dadurch auch ein Image auf.

Ein Beispiel der direkten Anknüpfung an die Griechen ist die jährliche “body issue” Ausgabe des US Fernsehsenders ESPN (Entertainment and Sports Programming Network). Dort werden Athleten und Athletinnen aus den verschiedensten Sportarten nackt abgebildet und zeigen so ihre athletischen und ästhetisch perfekten Körper.

 

Im Vergleich zu anderen Sportarten entsteht der Eindruck, dass speziell in der Leichtathletik der Faktor körperliche Fitness ausschlaggebend ist. Für den/die Leichtathleten/in sind die körperlichen Voraussetzungen und die Körperformung durch Training essentiell. Die Fitness und das athletische Niveau beeinflussen die Leistungen. Er/sie versucht natürlich den Körper in bestmögliche Form zu bringen, sodass die gewünschten Ergebnisse auch erzielt werden können. Dafür wird schon mal die Nachspeise weggelassen und die Fleischzufuhr verdoppelt. Der Körper ist ja des Leichtathleten Kapital. Natürlich darf man jedoch andere Aspekte wie Technik, Trainingsumstände oder das notwendige Material für bestimmten Disziplinen, nicht außer Acht lassen. Zum Vergleich sei an dieser Stelle noch der Fußball kurz erwähnt. Hier spielen nicht nur ein halbwegs fitter Körper sondern auch Strategie, Technik, Ballgefühl etc. eine große Rolle, um ganz vorne mitmischen zu können.

 

Zu guter Letzt können wir sagen, dass wir uns bereits jetzt sehr auf die Übertragung der Leichtathletik WM freuen. Mag man die Körper dort als “gesellschaftlichen Habitus” oder einfach nur als “schön anzusehen” bezeichnen, am Ende wird die Leistungsfähigkeit über ihren Erfolg entscheiden. Und bis zum Schluss hoffen wir natürlich auf einen Start von Robert Harting ;).


Allen aktiven Lesern sei an dieser Stelle noch eine verletzungsfreie und erfolgreiche Saison gewünscht, und vielleicht die eine oder anderen Limiterbringung :-)!

 

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